Klar ist: Niemand legt sich gerne unters Messer. Jedoch ist so manche Operation wichtig für den Erhalt der Lebensqualität oder sogar lebensnotwendig. Laut einer Statistik des Unternehmens Statista wurden im Jahr 2020 deutschlandweit rund 15,82 Millionen Operationen durchgeführt. Und obwohl sich Menschen auch aus ästhetischen Gründen einem Chirurgen anvertrauen, sind viele Operationen überhaupt nicht notwendig.

Patient:innen erhalten zu oft eine Operation

Dass viele chirurgische Eingriffe fragwürdig sind, wird klar, wenn das Beispiel Knie betrachtet wird. Zahlreiche Orthopäden verweisen darauf, dass Patient:innen selbst sehr viel für die Gesundheit des Gelenks tun können. Doch wird das Knie oftmals zu schnell und ohne Berücksichtigung einer anderen Behandlungsmethode einer Operation unterzogen. Insbesondere haben Kniespiegelungen und Knorpelglättungen hohe Beliebtheit in chirurgischen Kreisen gefunden. Doch wenn die Belastung von Gelenken beispielsweise daher kommt, dass Patient:innen ein hohes Übergewicht aufzeigen, hilft es meist schon abzunehmen und eine Physiotherapie in Anspruch zu nehmen. Ebenfalls stellen Fachkreise weitere Eingriffe infrage, die etwa Herz, Schilddrüse oder Darm betreffen. Hierbei wird unter anderem der „Divertikulitis“ (Ausstülpungen der Dickdarmwand) häufig einer Operation unterzogen, obwohl zahlreiche Studien und Leitlinien empfehlen, diesen Eingriff nur unter bestimmten Komplikationen zu operieren. Rund zwei Drittel aller Divertikulitis-Eingriffe werden hierzulande aber bei unkomplizierten Fällen durchgeführt.

Klinische Studien könnten helfen

Bereits seit Jahren rufen wissenschaftliche und ökonomisch denkende Chirurgen dazu auf, mithilfe von klinischen Studien zu ermitteln, welche Operation notwendig ist. Die Arzneimitteltherapie weist solche Studien bereits langem auf, was auch auf die Contergan-Katastrophe aus den Jahren 1957-1961 zurückzuführen ist. Hierbei wurde das erste Arzneimittelgesetz verabschiedet, in welchem verankert ist, dass Medikamente nur zugelassen werden, wenn ihre Wirksamkeit in klinischen Studien nachgewiesen ist. Für den Eingriff von Chirurg:innen gilt eine solche Verpflichtung jedoch nicht. Zahlreiche Placebo-Versuche haben im Bereich der Zuführung von Medikamenten gezeigt, dass bereits eine Wirkung eintritt, obwohl keine Inhaltsstoffe zugeführt werden. Im Bereich der Chirurgie werden Eingriffe verglichen, indem Schein-Operationen durchgeführt werden. Diese zeigen auf, dass es offenbar nicht ausreicht, eine operative mit einer konservativen Behandlung eines Leidens zu vergleichen. Hierbei kristallisiert sich klar heraus, dass viele früher gängige chirurgische Eingriffe sich später als unnötig herausgestellt haben. Die meisten Operationen werden aber auch heute ohne den Nachweis eines günstigen Nutzen-Risiko-Verhältnisses eingeführt und breit angewandt.

Was können Sie tun?

Damit Sie sich vor unnötigen Operationen schützen können, ist es hilfreich, die Zweitmeinung von Fachärzt:innen einzuholen. Hierfür stehen auch zahlreiche Krankenversicherungen und betonen, dass etwa rund 80 Prozent der Eingriffe, die an der Wirbelsäule stattfinden, vermieden werden könnten. Alternative Behandlungsmöglichkeiten wie eine Physiotherapie könnten hierbei wesentlich zielführender sein. Aufgrund der freien Arztwahl in Deutschland steht es Versicherungsnehmer:innen jederzeit frei, eine zweite Meinung einzuholen. Sollte sich auch hier bestätigen, dass eine Operation notwendig ist, können sich Patient:innen immer noch dafür entschieden. Da der histologische Befund erst nach der Operation Klarheit bringt, ist es wichtig bereits vor dem Eingriff zu klären, ob es notwendig ist, zu operieren.

Fazit

Laut den Studien greifen viele Chirurg:innen zu schnell zum Skalpell. Hierbei kann es hilfreich sein, eine weitere Meinung durch Fachärzt:innen einzuholen. Sollte hierbei ersichtlich sein, dass eine Operation nicht nötig ist, können alternative Behandlungsmethoden den gewünschten Erfolg versprechen.