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2020-11-29T19:14:21+01:00

Stillen oder nicht stillen? Wenige Dinge des täglichen
Lebens wurden in den vergangenen Jahren so heftig diskutiert wie dieses. Aus dem
privaten Raum wurde das Thema in die Öffentlichkeit getragen – und aus dem
nachvollziehbaren Wunsch, stillende Mütter nicht mehr als Tabu zu behandeln,
ist streckenweise fast schon das gegenteilige Extrem eingetreten. An dieser
Stelle sollen deshalb einige Fakten und aktuelle Überlegungen zum Thema
zusammengefasst werden.

Stillen, die Urform der Ernährung

Das Stillen, auch als Brusternährung bezeichnet, stellt die
Ernährung eines Babys oder Kleinkinds durch das Drüsensekret aus der weiblichen
Brust dar. Dieses wird heute häufig Muttermilch genannt. Es enthält eine aus
ernährungsphysiologischer Sicht für das Neugeborene ideale Zusammensetzung aus
Eiweiß, Kohlenhydraten, Wasser, Enzyme und Antikörper, Vitamine und
Mineralstoffe.

Technisch ausgedrückt handelt es sich beim Stillen um einen
komplexen Vorgang, der intuitiv schon bei Neugeborenen funktioniert: Diese
suchen und erkennen instinktiv den Brustwarzenhof der Mutter bzw. stillenden
Frau, docken mit ihrem Mund hieran an und leiten durch ein Zusammenspiel von
Muskelbewegungen die Brust zur Ausschüttung des Drüsensekrets an. Dieser
Vorgang wird auch als Melken bezeichnet.

Neben der Ernährung und dem Aufbau des Immunsystems erfüllt
das Stillen einen weiteren essentiellen Zweck: Es festigt die Bindung zwischen
Mutter und Neugeborenem. Während des Vorgangs und bei der Mutter bereits im
Vorfeld wird so das Hormon Oxycotin ausgeschüttet, das einerseits den
Milchfluss anregt, andererseits als sogenanntes „Bindungshormon“ die soziale
Beziehung aufbaut und stärkt. Natürlich gibt es naturwissenschaftlich
betrachtet keine 1:1-Übersetzung des Hormons. Es wird aber in Studien immer
wieder mit Begriffen wie Vertrauen, Liebe und auch Lust in Zusammenhang
gebracht. Hierdurch wird der Kontakt für Mutter und Neugeborenes zu einem
angenehmen Erlebnis, das die Basis für gegenseitige Bindung schafft.

Von der Amme bis zur Stillkampagne

Im Laufe der Zeit entwickelten sich verschiedenste Formen
und Ausprägungen des Stillens: So war (und in einigen Landesteilen der Welt:
ist es bis heute) nicht selbstverständlich, dass unbedingt die leibliche Mutter
das Neugeborene stillte – gerade in wohlhabenderen Familien war hierfür nicht
selten die sogenannte Amme zuständig. Die Vorstellung, dass eine sozusagen
fremde Frau das Baby stillt, erscheint vielen Menschen heute fremd. Einige
empfinden diese sogar als abstoßend. Schon dieses Beispiel zeigt, dass das
Stillen eine lange Historie mit sich bringt, die immer wieder wechselnden
Vorstellungen, Idealen und auch Ideologien unterlegen hat. Und vielleicht auch,
dass es eben nicht die eine Form des Stilles gab und gibt.

Selbst der Begriff „Muttermilch“ ist streng genommen
übrigens kein naturwissenschaftlicher, sondern war ursprünglich ein Werbewort.
Mit diesem sollten Mütter im 18. Jahrhundert dazu angeleitet werden, das Sekret
ihrer Milchdrüsen als wertvolle Säuglingsnahrung zu empfinden – und nicht, wie
bisher oft üblich, ihr Baby von einer Amme stillen zu lassen.

In Entwicklungsländern wiederum gilt es bis heute oder heute
wieder als Luxus, nicht selbst stillen zu müssen. So haben Lebensmittelkonzerne
gezielt Werbung gemacht, um in diesen Regionen Milchpulver statt Muttermilch
anzupreisen. Dies hat zu den bekannten Problemen mit Milchpulver geführt: Durch
nicht ausreichend gesäuberte Flaschen sind etliche Babys zum Teil
lebensgefährlich erkrankt. Dies wäre, so Kritiker, durch die ganz natürliche
Brusternährung zu verhindern gewesen.

Heute gibt es alle nur erdenklichen Stillformen,
Stillpositionen und – Überzeugungen. Zu den extremen Positionen gehören zum
einen die, dass Stillen ein unnatürlicher, sexuell anzüglicher Vorgang sei auf
der einen Seite und zum anderen jene, dass Stillen die einzige Form der
Babyernährung sein und so lange wie möglich ausgeführt werden solle. Erstere
werden zum Beispiel von religiösen Gruppen vertreten, letztere von einigen Pro-Still-Verbänden,
die in ihrer Radikalität durchaus umstritten sein. Von beiden Seiten werden
Frauen so unter Druck gesetzt, statt sie auf dem Weg zu ihrer ganz persönlichen
Entscheidung bestmöglich zu unterstützen.

Nicht jede Frau kann oder möchte stillen

In der heftig geführten Debatte um mehr Anerkennung für
stillende Mütter (beispielsweise durch Stillmöglichkeiten im öffentlichen Raum
oder auch am Arbeitsplatz) sind etliche Fortschritte gemacht worden. Gleichzeitig
ist der Druck auf Frauen, die nicht stillen können oder auch möchten, deutlich
erhöht worden. Von einem Extrem, das die natürlichste Babyernährung tabuisiert
oder zumindest erschwert, ist man mancherorts also ins Gegenteil gekippt.

Ähnliches gilt für die Frage des richtigen Abstillens: Auch
dieser Vorgang findet in der Regel ganz ohne Zutun statt. Es gibt aber
selbstverständlich gute Gründe, frühzeitig abzustillen. Auch das Wohlbefinden
der Mutter gehört hierzu! Von einigen Still-Befürworterinnen wird außerdem
behauptet, dass Kinder so lange wie möglich gestillt werden sollten, sofern sie
sich nicht von allein abstillen. Große Vergleichsstudien verschiedenster Völker
zeigen, dass das Abstillen in vielen westlichen Gesellschaften tatsächlich
überdurchschnittlich früh stattfindet. Umgekehrt werden aber auch nicht, wie von
der Gegenseite behauptet, in anderen Kulturen Kinder im Normalfall bis ins
Schulalter hinein oder gar darüber hinaus gestillt. Der weltweite Durchschnitt
liegt insgesamt betrachtet bei rund drei Jahren.

Eine Stillberatung, die das Wohl von Mutter und Kind im
Sinne hat, kann die nötige Orientierung bieten. Sie wird zum Beispiel von
Hebammen, Krankenschwestern, aber auch Ärztinnen mit Zusatzausbildung
angeboten. Hierbei sollte es nicht um die Propagierung der einen Lösung,
sondern um eine bestmögliche Unterstützung beim Stillen gehen – oder, wenn das
nicht möglich ist, einer alternativen Ernährung. Auch hierbei kann die Bindung
zwischen Mutter und Kind aktiv gestärkt werden. Stillen bietet somit die
einfachste, weil naturgegebene Form der Babyernährung und auch des
Bindungsaufbaus. Beides ist aber selbstverständlich auch auf anderem Wege
möglich. Keine Mutter sollte deshalb ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie
ihr Kind aus gesundheitlichen Gründen nicht (mehr) stillen kann oder aus
anderen nicht möchte.

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